Wie bereitet man sich am besten auf einen Ultralauf vor – diesmal die lange Strecke beim Rennsteiglauf? Die Antwort klingt simpel: Man läuft vorher möglichst entspannt einen Marathon. Mein Trainingsplan war klar. Nur hatte ich eigentlich nicht vor, dafür extra einen offiziellen Straßenmarathon zu bestreiten. Doch dann kam – wie so oft – alles anders.
Ende März ruft mich meine Freundin Barbara an. Beim Schuhkauf im Frankfurter Laufshop hat sie spontan an einem Gewinnspiel teilgenommen – und tatsächlich gewonnen: einen Startplatz für den Hamburg Marathon inklusive Hotelübernachtung. Dazu muss man wissen: Barbara läuft gern mit mir einmal im Jahr einen Halbmarathon, ist aber noch nie über die Distanz des Achenseelaufs hinausgekommen. Allerdings war sie es, die mich vor genau zehn Jahren bei meinem ersten Straßenmarathon begleitet hat – ebenfalls in Hamburg. Wenn das kein Zeichen ist.
Sie sagt also kurzerhand zu, und ich bekomme den Auftrag, eine passende Laufstrategie zu entwickeln. Bleibt die Frage: Kann man so kurzfristig überhaupt noch sinnvoll trainieren? Das Ziel ist jedenfalls klar – ankommen.
Am selben Tag postet eine Lauffreundin aus Wien auf Facebook, dass sie verletzungsbedingt ihren Startplatz für Hamburg abgeben muss. Der Marathon ist seit Monaten ausgebucht – und plötzlich habe auch ich einen Startplatz. Noch ein Zeichen des Marathongottes. Und gleichzeitig perfekt: ein langer Trainingslauf für meinen Plan.
Ich kenne Barbaras Leistungsniveau gut und bin mir sicher: Fünf Stunden am Stück durchlaufen ist unrealistisch. Bei meiner Recherche stoße ich auf die sogenannte 5+1-Methode – fünf Minuten laufen, eine Minute gehen. Einfach, aber effektiv. Gesagt, getan. Im Training funktioniert das überraschend gut: 21 Kilometer, sogar 25 Kilometer schafft Barbara problemlos. Doch dann meldet sich der Fuß – vermutlich eine Überlastung. Drei Wochen vor dem Marathon wird das Training daher deutlich reduziert.
Ich reise etwas später nach Hamburg als Barbara. Sie hat vom Gewinnspielanbieter ASICS ein Willkommenspaket bekommen – inklusive neuer, stark gedämpfter Laufschuhe. Ich schlage vor, diese am Vortag zu testen. Und tatsächlich: Der Fuß macht plötzlich keine Probleme mehr. Noch so ein Moment, der sich wie ein Wink des Marathongottes anfühlt. Passend dazu unterscheiden sich unsere Startnummern nur um eine Ziffer – obwohl wir völlig unabhängig voneinander gemeldet sind.
Der Samstag ist noch windig und kühl, doch am Wettkampftag zeigt sich Hamburg von seiner besten Seite: sonnig, nahezu windstill und angenehm frisch – perfekte Bedingungen. Unser Hotel liegt nur 300 Meter vom Start entfernt. Wir gehen kurz vor knapp in den vorletzten Startblock für Zielzeiten über fünf Stunden. Hier ist es angenehm entspannt, kein Gedränge wie weiter vorne. Die Vorfreude steigt – endlich geht es los.
Wir laufen locker an. Nach etwa einem Kilometer ist genug Platz, um unseren Rhythmus zu finden. Die fünf Minuten vergehen überraschend schnell, dann folgt konsequent eine Minute Gehen. Dabei fällt uns auf: Wir sind kaum langsamer als viele um uns herum. Die 5-Stunden-Pacemaker sind direkt vor uns.
Ich übernehme das Zeitmanagement und kündige die Wechsel zwischen Laufen und Gehen an. Ansonsten genießen wir einfach die Strecke: Reeperbahn, prächtige Villen, Hafen, Elbtunnel – und schließlich die Alster. Die Stimmung ist großartig. Wir tragen Laufrucksäcke und sind unabhängig von den Verpflegungsstationen. In jeder Gehpause trinken wir, alle 30 Minuten essen wir etwas. Nach exakt 2:28 Stunden erreichen wir die Halbmarathonmarke im Stadtpark. Barbara lächelt noch immer – und ich weiß: Das wird heute klappen.
Die zweite Hälfte verläuft weiterhin erstaunlich konstant. Die 5-Stunden-Gruppe lassen wir hinter uns. Bei Kilometer 30 fragt Barbara vorsichtig, ob vielleicht sogar eine Zeit unter fünf Stunden möglich ist. Die Antwort ist einfach: Wenn wir so weitermachen – ja. Ab Kilometer 35 wird es für Barbara spürbar härter. Doch der berühmte „Mann mit dem Hammer“ bleibt aus. Stattdessen überholen wir weiterhin viele Läufer – trotz unserer konsequenten Gehpausen. Entlang der Alster feuern uns unzählige Zuschauer an, die Stimmung trägt uns weiter.
Barbara ist jetzt voll im Tunnel. Sie fragt nur noch, wann die nächsten fünf Minuten um sind und sie wieder gehen darf. Bei Kilometer 40 sehen wir erneut die 5-Stunden-Pacemaker – und lassen sie diesmal endgültig hinter uns. Der letzte Kilometer gehört uns. Wir ziehen das Tempo an und laufen nach 4:57:31 Stunden überglücklich ins Ziel. Wir fallen uns in die Arme.
Die Finishermedaille – zum 40. Jubiläum mit allen bisherigen Siegerinnen und Siegern – fühlt sich wie eine ganz besondere Belohnung an. Barbara hat alles gegeben. Der Weg zurück ins Hotel erscheint ihr fast länger als der Marathon selbst – aber die Erholung kommt schnell. Am Abend wird gefeiert.
Bild 6: Pace 5 + 1
Und die Erkenntnis bleibt: Ja, es gibt einen Marathongott in Hamburg. Und ja – 5 + 1 funktioniert.