2020 laufe ich bei der österreichischen Meisterschaft im 24-Stunden-Lauf in Bad Blumau 160 Kilometer und gehe leer aus. 2026, wieder ÖM, wieder Bad Blumau, laufe ich 72 Kilometer und stehe auf dem Podest. Macht nichts – man muss nur die richtigen Leute kennen.
Vor sechs Jahren um diese Zeit liege ich in Bad Blumau im Gras, mit einem Energielevel null und einem Kreislaufkollaps. Beim 24-Stunden-Rennen habe ich 160 Kilometer erreicht – das musste ich, um mit diesem damals gültigen Mindeststandard gemeinsam mit Andreas Michalitz und Heinz Schaludek in die Teamwertung der österreichischen Meisterschaft zu kommen.
„Ich schaffe es nicht zur Siegerehrung", sage ich.
„Kein Problem, wir bringen dir die Medaille", antworten meine Vereinskollegen.
Eine halbe Stunde oder Stunde später kommen sie wieder. Mein Freund und ULT-Obmann Erwin Ostry sagt mir zögerlich: „Ich getraue mich fast nicht, es dir zu sagen. Wir sind Vierte geworden."
Ich bin dermaßen fertig, dass ich nicht einmal die Kraft habe, mich zu grämen. Doch in den Jahren danach denke ich immer wieder an diese Medaille zurück – die ich nicht erhalten habe und die ich immer noch will.
Hier geht es zur ganzen Geschichte: https://www.ultralaufteam.at/index.php/laufberichte/ultralaeufe/142-2020-07-05-24-stunden-in-bad-blumau
Sie endet mit einer Frage: Schreit das nicht nach Revanche?
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Sechs Jahre später bin ich wieder in Bad Blumau. Die Veranstaltung ist ein Highlight unter den österreichischen Ultralauf-Events – die Organisation nahezu perfekt, die Stimmung gewaltig. ÖLV-Ultralaufreferent Georg Mayer hat ein achtsames Auge auf die Top-Leistungen; er wird danach sagen, es sei schon lange nicht mehr der Fall gewesen, dass fünf Männer und eine Frau über 200 Kilometer laufen.
200 Kilometer waren für mich 2020 außer Reichweite. 2026 sind sie es noch viel mehr. Meine Vorbereitung lässt in allen Belangen zu wünschen übrig. Als ich Georg Mayer sage, dass ich keine Zeit für das Training hätte, antwortet er mit den richtigen drei Worten: „So ein Blödsinn." Die diesjährigen 24 Stunden haben für mich jedenfalls mehr die Wertigkeit eines Aktiv-Urlaubs als eines seriösen Wettkampfs. Was soll ich sagen: 24 Stunden ohne Training – schwierig.
Wir sind zu sechst vom ULT Heustadlwasser. Alexander Haslinger gewinnt den Sechs-Stunden-Wettbewerb. Sabrina Lederle kämpft sich wie eine Löwin durch, wird Vize-Staatsmeisterin mit 186,26 km. Harald Wurm läuft verlässlich, ohne einen einzigen Aussetzer – 202,08 Kilometer, Fünfter im Gesamtklassement. Was danach kommt, hat gottlob ein Happy End. Harald bricht nach dem Rennen zusammen, muss eine Infusion erhalten und zur Kontrolle ins Krankenhaus. Aber alles ist gut. Rudi Ohme gewinnt die Klasse M75 mit einem neuen österreichischen Rekord: 127,49 Kilometer. Erwin Ostry wird 24. mit 131,13 km, ich werde 48. Mit 72,69 Kilometern.
Dass es weniger würden als vor sechs Jahren, war klar. Dass es nicht einmal hundert würden – na ja. Um nochmals Georg Mayer zu zitieren: „70 Kilometer sind ja nicht nix." Nachsatz: „Aber viel ist es halt auch nicht."
Im Wissen um mein überschaubares Leistungspotenzial habe ich die Reise nach Bad Blumau stressfrei genossen. Von Erwin Ostry lerne ich hautnah, wie viel Logistik hinter einem 24-Stunden-Lauf steckt – wie viel Zeit investiert wird, um Pavillons und Tische auf- und abzubauen, anderes Material zu organisieren, vorzubereiten und dann wieder abreisefertig zu machen. Von Erwin erhalte ich aber einmal mehr eine Lektion darüber, was Leiden im Ultralaufen bedeutet – zumindest lasse ich sie mir danach erzählen, denn als es passiert, schlafe ich. Meinem Freund geht es über weite Strecken nicht gut, er kann kaum Nahrung und Flüssigkeit zu sich nehmen, kämpft sich aber durch alle 24 Stunden.
Ich hingegen lasse es gemütlicher angehen. Als ich unter muskulären Problemen, Magen- und Kopfschmerzen leide, mache ich Pausen und schlafe in der Nacht sogar über fünf Stunden am Stück. 14 Stunden Bewegungszeit stehen zehn Stunden Nichtstun gegenüber.
Irgendwann eröffnet mir Mayer, dass für die Teamwertung die Leistungen der besten Drei herangezogen werden, aber bis zu fünf Läufer:innen eine Medaille erhalten. Hätte der Club sechs Ultras am Start, ergäbe dies dann aber zwei Mannschaften.
Die Chance, jene Medaille von 2020 endlich zu bekommen, steigt ins Unermessliche – auch wenn ich diesmal außer meiner bloßen Präsenz nichts beitrage. Mayer bringt es auf den Punkt: „Eigentlich hättest nach der ersten Runde wieder aufhören können." Mit Sabrina, Harald und Erwin haben wir drei verlässliche Kilometersammler im Team. Mein ehrlicher Dank gilt deshalb auch jenen Vereinskollegen, die nicht kommen konnten oder wollten: Eine ULT-Person mehr, und schon wäre ich vom Podest gefallen.
Es wird nicht Bronze – was 2020 im Bereich des Möglichen lag – sondern Silber. 80 Kilometer fehlen auf den Sport Treff Schüttel, herzliche Gratulation an dieses starke Team! Der Vorsprung auf die TUS Feldbach ist über 100 Kilometer groß.
Als ich mich bei der Siegerehrung bei Sabrina bedanke und ihr sage, dass ich ohne sie heute nicht hier stehen würde, lächelt sie mich an: „Man muss nur die richtigen Leute kennen."
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Hätte ich mir eine Medaille 2020 „verdient"? Oh, ganz klar.
Hätte ich mir eine 2026 „verdient"? Ganz sicher nicht.
Aber im Sport davon zu reden, dass ich mir „das verdient habe", widerstrebt mir. Die Ergebnisliste und die Regulative der ausrichtenden Organisationen sind Gesetz, nichts anderes zählt. Ob es ausgleichende Gerechtigkeit war, Karma oder „what goes around comes around" – heute ist mir das egal. Denn einer meiner größten Erfolge im Ultralauf hat mit einer meiner schwächsten Leistungen zu tun. Und ja, ich kann damit gut leben.
