2026-05-24 Ledro Sky Trentino 2026 – Letzter werden war selten so schön

Ich quäle mich einen dieser giftigen Anstiege hoch, schwitze mir die Seele aus dem Leib und habe keine Ahnung, was mich im Ziel erwarten wird. Der Ledro Sky Trentino ist eines der härtesten Rennen, wenn nicht das härteste, das ich in meiner Laufbahn (ha, ha!) je bestritten habe. Es wird mir wohl auch in der Erinnerung bleiben.

 

 

 

 

 

 

Dabei beginnt auch dieses Rennen so, wie alle Rennen beginnen. Mit einer Startaufstellung, bei der die weltbesten Trailrunner der Golden Trail World Series, angeführt von Elhousine Elazzaoui, in der ersten Reihe stehen – und ich quasi in der letzten. Was den Marokkaner, der später als Erster ins Ziel kommen wird, und mich verbindet: Wir laufen heute dieselbe Strecke. Was uns trennt: fast alles andere.

Ob ich überhaupt antreten soll, frage ich mich in den Tagen davor mehr als einmal. Die Trainingsverfassung ist nicht optimal. Ein paar körperliche Baustellen melden sich. Das Streckenprofil ist anspruchsvoll. Und ringsum erzählen mir Leute, da oben am Grat könne es ja gefährlich werden. Ich ringe mit mir. Und starte dennoch.

Was diese Strecke bedeutet, verstehe ich erst, wenn ich sie laufe. Der Anstieg führt durch den Wald, über Almwiesen. Irgendwann stehe ich auf dem Grat. Dem Senter de le Greste. Rechts unten leuchtet der Ledrosee, links unten der Gardasee, darüber nur noch Himmel. Die Gänsehaut kommt von selbst. Von der Hitze, die an diesem Tag erbarmungslos auf den Grat drückt, merkt man auf den Fotos nichts. Ich merke es in den Beinen. Zwei Zeitlimits gilt es zu meistern. Das erste nach 2:15 Stunden, das zweite nach 3:15 Stunden. Beide passiere ich mit einer Handvoll Minuten Puffer. Knapp, aber ich komme durch.

Ab Kilometer zwölf bin ich offiziell in Gesellschaft der Scopa. So nennen sie in Italien die freundlichen Schlussläufer der Organisation, die dafür sorgen, dass niemand alleine auf dem Berg bleibt. Der technische Downhill zurück ins Tal führt durch austro-ungarische Stellungen aus dem Ersten Weltkrieg und ist alles andere als ein Spaziergang. Die Uphills hören gefühlt nie auf. Auf diesen einundzwanzig Kilometern denke ich vermutlich hundertmal daran aufzuhören. Ich laufe trotzdem weiter. Der Grund dafür sind die Menschen.

Die Volunteers an den Verpflegungsstellen, die Zuschauer mit ihren Kuhglocken, die Einheimischen am Streckenrand. Sie klatschen ab, feuern an, sprechen Mut zu. Immer wieder. Auch noch, als längst alle anderen im Ziel sind. Das Ledrotal ist nicht nur landschaftlich ein Traum. Es sind vor allem seine Menschen, die diesen Lauf zu etwas Besonderem machen.

Dann bin ich im Ziel. Die Organisation überreicht mir eine Finishermedaille und eine Flasche Wein. Und dann passiert etwas, das ich so nicht erwartet habe. Elhousine Elazzaoui, Tagessieger und zweifacher GTWS-Gesamtsieger, einer der besten Trailrunner der Welt, kommt auf mich zu. Er fragt, ob ich der Letzte bin, und schlägt vor, dass wir gemeinsam ein Foto unter dem Zielbogen machen. Letzter werden war selten so schön.

Bei solchen Läufen geht es mir nie darum, mich mit meiner Zeit in den Vordergrund zu stellen. Ich bin ein mittelmäßiger Läufer, aber ich möchte ein Journalist sein, der Dinge selbst erlebt. Keiner, der hinter dem Schreibtisch sitzt und sich Geschichten erzählen lässt. Wie Denis Wischniewski, Gründer des Trail Magazins, einmal geschrieben hat: Seine Läufe sind nicht Ausweis. Sie sind Erfahrung.

Diese Erfahrung nimmt mir niemand mehr weg.