Seit einiger Zeit frage ich mich, welche körperliche Herausforderung wohl an das Niveau meiner ersten Geburt herankommen könnte.
Da meine wichtigste Sportmotivatorin und -beraterin (Ági) der Meinung ist, dass man jenseits der vierzig unbedingt auch Muskulatur aufbauen muss, war ich gezwungen, neben dem Laufen auch ein bisschen Cross-Training in mein Leben zu integrieren. So kam ich diesen Winter zu meiner zweiten Schwimmunterricht im Erwachsenenalter. Ich dachte mir: wenn sich unser Körper neun Monate lang auf eine Geburt vorbereitet, dann sollten für einen Ironman sechs Monate ausreichen. Also schenkte ich mir am letzten Jännertag einen Ironman im September: zwei Cross-Training-Einheiten, dazwischen zwei Aufwärmrunden Laufen und am Ende noch 42,2 km zum Auslaufen. Balatonman 2026 …
… ich komme!
Die Vorbereitung war ziemlich abwechslungsreich und umfasste praktisch mein gesamtes soziales Leben der letzten sechs Monate:
- Wanderungen mit den Kindern am Rücken (damit war mein Krafttraining auch schon weitgehend abgedeckt),
- gemeinsames Indoor-Rollentraining mit Katja und Harry Potter,
- Trailläufe mit Anne, Gina, Katja und Evelyn,
- Radtouren mit Hannes und den Mitgliedern von Rax Cycling Club.
Gegen Ende des Sommers geriet mein Trainingsplan etwas aus den Fugen, aber trotzdem blieb Zeit für
- eine Radrunde um den Balaton (mit Katja und Attila) und
- am nächsten Tag die Balaton-Durchquerung schwimmend (Attila: „Wenn du schon mal hier bist, können wir ihn auch gleich durchschwimmen.“),
- eine Radtour von Villach nach Grado, während Gabi und meine Mama mit den Jungs im Auto hinter bzw. vor mir herfuhren,
- gelegentliche Schwimmeinheiten (danke, Klári, Emese und Hannes),
- Krafttraining mit Ági und Evelyn,
- hin und wieder ein bisschen Yoga mit Évi und zwei Judit(h)s,
- und diverse Trainings- und Ernährungstipps, vor allem von Hannes, Gergő und Christian,
- seelische Unterstützung und Wideraufbau der körperlich angerichteten Schäden (Karin).
Schließlich war er da, der Morgen des 5. September. Ich wusste, dass die Kinder in guten Händen waren. Meine Mama und Kamilla kümmerten sich um sie. Kamilla hatte mir zu meinem 40. Geburtstag leichtsinnigerweise 40 Stunden Kinderbetreuung geschenkt. Und ich sorgte heute dafür, dass sie davon auch ordentlich etwas „abarbeiten“ durfte.
Ein großer Vorteil des Ironman ist übrigens, dass man sich keine Sorgen machen muss, ob die Damentoilette besetzt ist.
Eine Minute vor dem Start noch eine letzte Umarmung im Wasser mit Zsófi, die im Team antrat. Für ein paar Sekunden durchströmten mich Ruhe und ein Gefühl von Sicherheit, bevor etwas begann, auf das ich mich ein halbes Jahr lang vorbereitet hatte: ein lockeres 3,8-km-Schwimmen im Balaton.
Schon nach der ersten Runde merkte ich, dass ich geradezu durch das Wasser pflügte – ein großartiges Gefühl. „Mein Vater wäre so stolz“, ging mir durch den Kopf. Bald drehte der Wind, und in der vierten Runde schlugen uns bereits die Wellen über den Kopf. Ich schluckte etwas Wasser und blieb eine Minute am Rücken liegend, um mich auszuruhen. Ich mag dieses Gefühl. Wenn man mitten im Sturm für einen Moment innehält.
Nur noch ein paar hundert Meter, dann ziemlich genau 90 Minuten nach dem Start konnte der erste Lauf beginnen. Aus dem Balaton herauslaufen, barfuß, dann während dem Ausziehen und schließlich in Radschuhen das Fahrrad schiebend weiter laufen.
Darauf folgte das zweite Cross-Training des Tages: 176 km auf dem Fahrrad. Der inzwischen stärker gewordene Wind schob das Fahrrad so heftig von einer Seite auf die andere, dass ich irgendwann nicht mehr wusste, woran ich mich festhalten sollte (an den Triathlon-Auflegern traute ich mich jedenfalls nicht). In der dritten Runde hatte sich der Gegenwind am Anstieg bei ungefähr 25 km/h einigermaßen eingependelt, und dann kam auch noch Hagel dazu (zum Glück hatte ich darin zumindest schon etwas Übung). Die letzten beiden Runden waren richtig angenehm. Ich überraschte mich sogar noch mit einer Pinkelpause (der erste Höhepunkt des Tages), und schon bald konnte ich die nächste Laufrunde in Radschuhen antreten.
Nach dem langen „Aufwärmen“ kam endlich das, wofür ich eigentlich gekommen war: ein lockerer Marathon zum Abschluss. Der Beginn des Laufs fühlte sich ähnlich an wie der Moment, wenn man mitten in einem längeren Ultralauf plötzlich Musik einschaltet und das noch einmal einen kleinen Schub gibt. Kurz darauf beruhigt sich das Ganze wieder. Und dann liegen immer noch ungefähr 40 km vor einem.
Zwei wunderbare Dixi-Klo-Pausen lockerten den monotonen Abend etwas auf. Und ja, ich hatte tatsächlich den Punkt erreicht, an dem ich gar nicht mehr herauskommen wollte, weil das Leben da drinnen plötzlich so wunderschön erschien.
Die Kilometer vergingen quälend langsam. Aber dank der unermüdlichen Unterstützung von Ági und Gergő (+S+M) („Es ist mir egal, ob du kotzen musst, du wirst jetzt essen.“), der Unterstützung vor Ort durch Kamilla, Zsófi, Judit, Orsi + Áron, Attila und meine Mama, den Nachrichten aus der Ferne von Zita und den anderen sowie den lieben Worten einiger bis dahin völlig unbekannter Mitstreiter und Zuschauer …
… ging auch das vorbei.
In einer Sache war der Ironman der Geburt jedenfalls sehr ähnlich: Auch das hätte ich gerne etwas schneller hinter mich gebracht. Nach genau 14 Stunden schaffte ich es schließlich, mich ins Ziel zu schleppen – was im Vergleich zu den 36 Stunden meiner Geburt im Nachhinein geradezu lustig wirkt.
Bei beiden Dingen war ich mir allerdings von Anfang an in zwei Punkten sicher: Erstens, dass es irgendwann vorbei sein würde. Und zweitens, dass ich nicht aufgeben würde.
Ein Gedanke lässt mich allerdings nicht los: Warum trägt der Ironman im Jahr 2026 eigentlich immer noch den Namen „Ironman“ – also „Eisenmann“? Die einzig akzeptable Erklärung kann eigentlich nur sein, dass der Begriff „Ironwoman“ jeder Frau zusteht. Ganz unabhängig davon, ob sie schon einmal geboren hat, schwanger war oder sich dafür rechtfertigen musste, warum sie es nicht war.
Ist ein Ironman also härter als eine Geburt?
Als ich nach Hause kam, schliefen die Kinder bereits. Ich konnte in Ruhe zu Abend essen, mit meiner Mama reden, duschen und Nachrichten beantworten. Bis zum Morgen hatte ich Zeit, mich auszuschlafen. Kein neugeborenes Baby weckte mich alle 30 Minuten – oder alle zwei Stunden. Am Tag nach den Geburten war es schon Herausforderung genug, überhaupt zur Toilette zu kommen, die Treppe hinunterzugehen oder sich um die Wünsche der Gäste zu kümmern.
Am Tag nach dem Ironman ging ich mit den Jungs Tretroller fahren…und es machte Spaß.