2026-10-10 Kein Wunder in den Dolomiten

Ich wollte beim Enrosadira Trail 55 Kilometer laufen. Nach 24 Kilometern war Schluss, und das war kein Wunder. Ein Bericht über ein tolles Rennen, einen schwachen Läufer und eine Idee für nächstes Jahr.

 

 

 

Wer bei uns am Heustadlwasser beim Langsamlauftreff auf mich wartet, wartet in der Regel vergeblich. In Alta Badia hat man zwar gewartet, mir dann aber gesagt: Das war’s. Dort gibt es Zeitkontrollen, und die sind unbestechlich, wie ich am 10. Oktober beim ersten Enrosadira Trail erfahren musste.

Wie ich auf 55 km kam

Auf dem Papier klang alles harmlos: 55 Kilometer, 3.400 Höhenmeter, Start in La Val im Herzen von Alta Badia, mitten im UNESCO-Weltnaturerbe Dolomiten auf Südtiroler Seite. Ich wollte das mit dem bewältigen, was ich im Training angesammelt hatte. Das war nicht viel, oder besser: nichts.

Daran war ich selbst schuld. Eigentlich war ich für die 20 Kilometer gemeldet. Dann fragte mich meine Frau: „Echt, für 20 Kilometer nimmst du den ganzen Weg auf dich?“ Und unser Sechstage-WM-Medaillengewinner Erwin meinte: „Na ja, für die Anreise von Wien sind 20 Kilometer schon eher kurz.“ Wer mich kennt, weiß, dass so etwas böse endet. Ich meldete mich grantig auf die 55 Kilometer um. Ist euch das lang genug?!

Ein Rennen ohne Schnickschnack

Drei Distanzen gibt es, 20, 40 und 55 Kilometer mit 1.250, 2.450 und 3.400 Höhenmetern, je etwa 150 Starter, zusammen 450 bis 500. Das ist familiär, fast schon intim, und herzlich dazu. Was ich von der Strecke gesehen habe, nämlich die ersten 24 Kilometer, hat es in sich: kaum Asphalt, kaum Flaches, dafür ständig hinauf und hinunter. Auf den Forststraßen läuft es von selbst, und wer Beine hat, ballert dort. Die technischen Trails verlangen jeden Schritt Aufmerksamkeit, die Single Trails sind schön wellig, und dazwischen schraubt sich eine Skipiste hinauf, das ist dann eher fad. Die große Runde ist trotzdem gut laufbar, das zeigt die Siegerzeit von 6:01 Stunden, und selbst der letzte Gewertete kam unter zwölf Stunden ins Ziel. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt längst mein DNF, mein „Did Not Finish“.

Ich war schnell Letzter, aber nicht allein. Hinter dem Feld läuft immer der „Scopa“, der Besenwagen, der dafür sorgt, dass niemand verloren geht. Bei mir war das Antonio Positano, 34, aus Kampanien, seit über zehn Jahren aus Liebe zu den Bergen in Alta Badia zu Hause. Ab Kilometer zwei, drei, so genau habe ich nicht mitgezählt, klebte er an meiner Seite. „Tu einfach so, als wäre ich nicht da“, sagte er. Ich bin allerdings ein kommunikativer Typ, und so wurde aus dem Begleitschutz ein langes Gespräch über Berge, Dörfer und die ladinische Sprache.

In Corvara war Schluss, für mich und für Enzo, 72, aus Bassano del Grappa, sportlicher als ich und deshalb vielleicht ein bisschen bedrückter. Das Buffet tröstete uns beide: Blechkuchen, Kekse, Obst, Cola und warmer Apfeltee, und die Volunteers lächelten, als sie sahen, wie beherzt ich zugriff. Kann ich nicht schon laufen, so kann ich immer noch essen.

Corvara hatte noch eine Zeitreise parat. Dort habe ich vor knapp vier Jahrzehnten meinen Dienst bei den Carabinieri geleistet, und an der Verpflegung standen zwei Carabinieri von heute. Wir machten ein Foto. Solche Momente schenkt einem niemand, die muss man sich erlaufen.

Mit Antonio aus Kampanien hätte ich theoretisch alle Götter auf meiner Seite gehabt. Seine Heimat ist das Land von San Gennaro, dem Schutzpatron Neapels, dessen Blut sich der Legende nach dreimal im Jahr in der Kathedrale verflüssigt. Bleibt das aus, gilt das als schlechtes Omen. In den Dolomiten blieb das Mirakel für mich aus, und zwar zu Recht. Ohne Training kein Wunder. Das war wohl schon im Jahr 300 so, und es ist 2026 nicht anders.

Fahrt hin!

Und trotzdem: Fahrt hin! Im Ernst. Die 20 Kilometer taugen als Saisonausklang für jeden, die 40 sind richtig Berg, und auf den 55 braucht ihr Beine, andere als ich. Briefing, Shuttle, Verpflegung, da hat alles gepasst, und das bei einer Premiere. Was es kostet? 50, 60 und 70 Euro, für das Gebotene fast unanständig wenig. Und ja, Erwin, die Anreise von Wien würde sich auch für die 20 Kilometer lohnen!

Enrosadira nennt man übrigens jenen Moment bei Sonnenauf- und -untergang, in dem die bleichen Felsen in Gelb, Orange, Rosa und Rot erstrahlen. Dieses Schauspiel einmal selbst zu erleben ist quasi Pflicht. Der Termin für 2027 steht noch nicht fest, es wird aber wohl beim zweiten Wochenende im Oktober bleiben, gerade auch, um dem Claim „Run the Autumn“ gerecht zu werden. Infos gibt es auf www.enrosadira.org.

Und jetzt?

Ich muss mir ernsthaft überlegen, wohin das mit mir gehen soll. Mit 58 Jahren gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ich trainiere wieder richtig und greife neue Ziele an, oder das mit dem großen Trailrunning wird nichts mehr. Dass es je etwas Großes war, behaupte ich nicht. Traurig bin ich darüber nicht, eher nüchtern. Vielleicht habe ich in Alta Badia aber auch jemanden gefunden, der mich zu neuen Zielen pusht.

Trainiert oder nicht: Es war sicher nicht das letzte Mal, dass ich in Alta Badia am Start stand. Das ist schon mal fix.