Eigentlich wollte ich ja nach London, um ein Fußballspiel anzusehen, was ich auch tat. Arsenal – Chelsea endete 1:0, die überwältigende Mehrheit der 60.000 im Emirates Stadion jubelte, und ich jubelte mit.

Die Müdigkeit, die sich vom Vortag aufgebaut hatte, war zumindest für zwei, drei Stunden verflogen und kam lediglich zeitversetzt wieder zurück – hundert Hügel hinterlassen eben doch ihre Spuren...

Hundert Hügel? Wieso denn nur? Nachdem das Spieldatum feststand, habe ich eher „zufällig“ einen Blick in den DUV Laufkalender geworfen, und, so ein Pech aber auch, da stand es schwarz auf weiß: Die Hundred Hills mit 50 km und 4000 ft, also so rund 1220 Höhenmeter finden am Tag vor dem Match statt.

Erlaubnis von Frau und Trainer eingeholt, Aufenthalt verlängert, Sachen gepackt. Es würde mein erster Ultra in England werden, von Centurion Running und dessen Rennleiter James Elson höre ich in den sozialen Medien nur die besten Dinge, bin dementsprechend gespannt. Auf der Hinfahrt nimmt mich eine Läuferin mit, auf der Rückfahrt Vater und Tochter, die für mich einen kleinen Umweg auf dem Weg nach Hause in Kauf nehmen – Läufer-Freundlichkeit überall.

Es gibt ein Webinar am Montag vor dem Lauf, es kommt ein E-Mail mit dem letzten Wetterbericht am Mittwoch (trocken und angenehme Temperaturen, unüblich für diese Breitengrade und diese Jahreszeit), es gibt ein kurzes Race-Briefing an der Startlinie im Stonor Park, der rund eine Stunde vom Londoner Stadtzentrum entfernt liegt. Selbstverständlich studiere ich die Website und schaue mir einige Videos an. Ich kann sagen, dass ich mich recht gut vorbereitet fühle. Dennoch. Hundred Hills warten.

Die gute Nachricht ist, dass es nicht hundert Hügel sind. Die schlechte Nachricht ist, dass, je nachdem, ob die kürzeren oder längeren Rampen bis auf die allerwinzigsten selber gezählt werden auf dem Höhenprofil von Strava (53), oder von Suunto erhoben (23) oder von Runalyze definiert werden (13), es immer noch verdammt viele Auf- und Abstiege sind.

Doch die Landschaft in Oxfordshire ist bezaubernd, die Dörfer, durch die wir laufen, scheinen aus einer anderen Zeit zu stammen, die Hills bis auf vier oder fünf Ausnahme das, was „gently rolling“ bezeichnet wird, die Mitläufer:innen angenehm und die Wanderer genauso vorlaut wie in unseren Breiten. Nach Kilometer 13 oder 14 rufen sie uns ein „almost there“ entgegen, „that’s a lie“, antworte ich, denn so gut wie da sind wir noch lange nicht.

Der Kurs ist auf zwei Schleifen aufgeteilt, recht genau bei der Hälfte des Rennens kommt man bei Start-Ziel vorbei. Es ist ein idealer Zeitpunkt, um sich eine längere Pause zu gönnen (oder, was einige auch tun, auf die zweiten 25 Kilometer zu verzichten). Die Verpflegungsstation ist wie jene auf der Strecke großzügig ausgestattet, Süßes und Salziges, Getränke aller Art, Gels und Riegel sind vorhanden. Ich greife nach drei Keksen und eile weiter.

Die zweite Runde weist einige Kilometer zu viel Asphalt auf, das hat wohl mit fehlenden Erlaubnissen der Grundbesitzer zu tun, sinniere ich. Jedenfalls rückt das Ziel näher, doch bevor ich es erreiche stehen – richtig! – noch drei Hügel an. Dieses Auf und Ab hört wirklich nie auf!

Mein Ziel, unter sieben Stunden zu bleiben, erreiche ich mit viel Engagement und einem Kilometerschnitt von 8:08 Minuten. Damit bin ich zufrieden, Trainer-Gott Gerhard Schiemer ist es auch, die Richtung hin zu anderen Rennen mit noch mehr Kilometern und noch mehr Höhenmetern stimmt.

Das alkoholfreie Bier namens „Run Free“ einer kleinen Privatbrauerei aus Bristol schmeckt vorzüglich. Zu schade, dass sie nicht ins Ausland exportieren – Stichwort Brexit, Stichwort Zoll. Ich plaudere noch mit den einen und anderen und mit James, gratuliere zum Event und zur Arbeit der Freiwilligen, die nicht genug gelobt werden können. Immer freundlich, immer hilfsbereit, immer mit einem Lächeln im Gesicht und aufmunternden Worten auf den Lippen.

Zweieinhalb Tage später sitze ich im Flieger zurück nach Wien und lasse die Tage in London Revue passieren. Der Ultralauf ist passiert, ist en passant, im Vorübergehen gemacht worden. Allein seinetwegen wäre ich sicher nicht nach England geflogen, 50 Kilometer (mit mehr Höhenmetern) können auf dem Fernwanderweg Nr. 444 von Grinzing nach Mödling auch absolviert werden.

Doch die, sagen wir: perfekte Organisation, die Herzlichkeit der Mit-Läufer:innen, das Flair eines Ultra in England haben schon was. Und noch ehe ich in Wien lande, ertappe ich mich dabei, darüber nachzudenken, welchen Centurion-Lauf ich 2026 in den Blick nehmen könnte. Denn der Hundred Hills ist nur einer von dreizehn, die diese Organisation im Angebot hat…

Webtipp: https://www.centurionrunning.com/

 

Die Hügel nach Runalyze: